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Zu den Aktionen an der Nikolaikirche Leipzig


Den Graphiker Matthias Klemm kennen meine Frau und ich aus der Studentenzeit, genauer gesagt von der Evangelischen Studentengemeinde her.

Einem Künstler stand als Christ in der DDR nicht die Erfolgs- und Karriereleiter offen, vielmehr der Kreuzweg vorenthaltener Anerkennung, nicht erteilter Aufträge und gezielter Nichtbeachtung. Matthias Klemm war unbequem, von JESUS her politisch-sozial motiviert, eigensinnig, nicht für faule Kompromisse zu haben. So ist er bis heute. Ist sich unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen treu geblieben.

Eine Großgrafik von ihm 1982 in der Thomaskirche hat mich stark angesprochen: über dem Haupt des Gekreuzigten vom Isenheimer Altar eine Schrift in Form eines postalischen Aufklebers mit dem Aufdruck: "Angeklagt der Anstiftung zum Frieden." War das nicht irgendwie unser Bild, das Bild derer, die jahrelang unter diesem Vorwurf Friedensgebete in der Nikolaikirche gestalteten? Beeinträchtigt, diffamiert, von Stasileuten umzingelt, krankgemacht, zugeführt, zu Republikfeinden und Konterrevolutionären gestempelt ... Ich habe diese Druckgrafik in meinem Amtszimmer gegenüber dem Schreibtisch täglich vor Augen.

Seit 1989 kommen immer mehr Menschen aus aller Welt über den Nikolaikirchhof in die Nikolaikirche. Demonstrationen wie gegen den Irak-Krieg mit bis zu 45 000 Teilnehmern nehmen nach wie vor hier ihren Ausgang. So eignen sich die Nordwestecke der Nikolaikirche und das Fenster links neben dem Hauptportal hervorragend für grafische Außenwandaktionen.

Eine Pieta klagt gegen den Wirtschaftsterror der reichen Nationen und den Gegenterror in deren Machtzentren - 11. September 2001. Ein Totenkopf mit der überschrift "Man kann sich doch nicht alles gefallen lassen" steht gegen allen Sicherheits- und Machtwahn und gegen die unverschämten Lügen, mit denen heute wie schon immer Kriege "begründet" werden. Doch Frieden kommt nicht mit Gewalt. Mit dem nur ehemaligen DDR-Bürgern erkennbaren Hintersinn ein Plakat zum 9. Oktober unter dem Motto: "Vorwärts! Und nicht vergessen." Gegen die unsäglichen Neo-Nazi-Auftrittsversuche in Leipzig ein Großposter: "Wenn dein Kind dich morgen fragt: Warum habt ihr das zugelassen?"
Und die Graphik, die uns seit 1998 auf jeder Demo gegen Arbeitslosigkeit begleitet:

MENSCHEN

WüRDE(n)

ARBEIT(en),

wobei Menschen-Würde-Arbeit durch ein helles, unaufdringliches Kreuz zusammengehalten und verbunden sind.

Das ist Matthias Klemm, wie wir ihn kennen und hochschätzen.
Mit dem wir uns streiten.
Mit dem wir gemeinsam kämpfen.
Dessen Grafiken die Leute heute zum Beten und Tun des Gerechten bewegen wollen.


Christian Führer