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"Fange nie an aufzuhören. Höre nie auf anzufangen."


Wiederholt hat Matthias Klemm die in der Kopfzeile zitierte Sentenz in seinen Arbeiten verwendet. Sie ist aber auch als Lebens- und Schaffensmotto für ihn selbst von Bedeutung als Aufforderung, niemals nachzulassen im Streben nach der Verwirklichung eigener Vorstellungen und Einsichten in der künstlerischen Arbeit wie im täglichen Leben. Auch angesichts schwieriger Situationen im familiären Kreis wie in der bildnerischen Arbeit galt es, nicht aufzugeben, vielmehr vorwärts zu schauen und Neues zu wagen. Deutlich wurde diese Haltung bei seinem Entschluß, eine finanziell abgesicherte Festanstellung aufzugeben und mit der ungesicherten Existenz als freischaffender Künstler zu vertauschen. "Ich bin gesprungen, ohne Fangnetz", vermerkte er am 2.9.1969 in seinem Tagebuch. Fünfzehn Jahre später, 1984, wird er erneut einen Schritt ins Ungewisse wagen: "Ich habe mich entschlossen, alle Kartengestaltungen und Plakate sein zu lassen, um mich selbst zu finden [...], um einen [...] beschwerlichen Weg anzufangen", (Tagebuch, 16.3.1984). Seither hat er sich entschieden und bewußt als freien bildenden Künstler begriffen, der sich seiner eigenen bildnerischen Mittel versichert und sie entwickelt. Das bedeutete keine Kehrtwendung innerhalb seines Schaffens und auch keineswegs, daß er sein generelles Ziel verändert hätte. "Meine Arbeiten haben angewandten Charakter im Eigentlichen - zum Menschen hin. Gesamtthema ist der Mensch in der Auseinandersetzung mit dem Sinn seines Lebens", formulierte Matthias Klemm am Beginn der neunziger Jahre sein Credo als Künstler wie als Mensch. Tatsächlich bilden seit vier Jahrzehnten in seinen Werken Themen wie Menschsein und Menschlichkeit, das Zusammenleben unter- und miteinander, Gefährdungen von Leben und Natur sowie die Freude an der Schöpfung generell und das Glück des Lebens, aber auch die Verantwortung füreinander das Zentrum seines Schaffens, getragen von der Verantwortung als Christ, dem das Wort Dietrich Bonhoeffers "Christentum bedeutet Entscheidung" die Richtung weist.

"Freilich, reine Kunst [...] ist meine nicht. Aber Kunst doch. Jeder arbeitet wie er kann. Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit." Diese Sätze schrieb Käthe Kollwitz im November 1922 in ihr Tagebuch. Auch Matthias Klemm könnte sie formuliert haben, ist mit ihnen doch gleichsam sein Verständnis von der Aufgabe eines Künstlers in seiner Zeit formuliert. Für die Werke der Berlinerin Käthe Kollwitz hegt er seit früher Jugend Bewunderung, so wie ihn die Arbeiten des Dresdner Zeichners Hans Theo Richter faszinieren. Auch jene Worte, mit denen die Kollwitz ihren oft zitierten Satz beendete, könnten von Klemm stammen: "Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind". Ist doch auch heute wieder die Realität der Lebensumstände vieler Menschen von Ratlosigkeit und Hilfsbedürftigkeit bestimmt. Bildnerische Mittel dienen Matthias Klemm als Elemente der Verständlichmachung und der Verständigung, denn er will verstanden werden. Seine Arbeiten sind in diesem Sinne nicht Selbstzweck, dienen nicht allein der Selbstdarstellung. Sie sind aber auch keine bloße Selbstentäußerung. Diese Haltung bestimmt sein Wirken als freischaffender bildender Künstler. "Frei" bedeutet nach seinem Verständnis zwar unabhängig, jedoch nicht "zweckfrei" oder bedeutungsentleert. So war sein Schritt vom Grafikdesigner zum freien Künstler folgerichtig. Er führte ihn jedoch nicht ausschließlich in die Abgeschiedenheit des Ateliers, da parallel seine sozialpädagogische kreative Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie mit Behinderten intensiv weiterläuft. Er veranstaltet keine "Kunstkurse", und die Ergebnisse sind so auch nicht zu verstehen. Anregungen werden vermittelt, eigene Kräfte mobilisiert, die Lust am Ausprobieren geschürt. Dem Einzelnen wird geholfen, sich selbst zu entdecken, der Blick für neue Möglichkeiten geöffnet. Diese Arbeit wirkt mittelbar auf Matthias Klemm und sein bildnerisches Tun zurück. Er hat erfahren: "Oft genug ist es der Vorrang des Laien, unvoreingenommener zu reagieren, vorausgesetzt, er besitzt Phantasie, ... [denn] es gibt ein Gesetz des Zufalls, ein der Natur eigenes ästhetisches System [...]. Wer hat schon gelehrt bekommen, daß ein Klecks etwas Anregendes sein kann." Nach seinen Worten entdeckte er so eine Methode, Sinnvolles durch absichtliche Zerstörung in Sinnloses zu verwandeln und daraus unerwartet Neues entstehen zu lassen: "Vor den Teilnehmern zerbrach ich eine Glasscheibe. Plötzliche Betroffenheit [...] motivierte die Aufgabe, aus Scherben etwas Neues zu gestalten [...]." In seiner künstlerischen Arbeit wurde für Matthias Klemm die zerbrochene Glasscheibe oder der zersprungene Spiegel bereits in den achtziger Jahren zu einem Sinnbild besonderer Art. Als Beispiel sei die Lithografie "Durchblick" (1987) erwähnt. Die Splitter der dunstbeschlagenen Scheibe verhindern einen Blick durch das Glas. Wie aus Nebel taucht undeutlich und verschwommen das Bild eines Kindes auf, mit den Händen suchend am Glas tastend, die Augen voller Sehnsucht. Zu erreichen vermag das Kind uns nicht, es bleibt von der Gegenwart ausgeschlossen, ist Erinnerung, fast ein Traum. Dort, wo eine Scherbe herausgefallen ist, wird das Bild eines Mannes sichtbar. Sein Blick richtet sich forschend auf den Betrachter. Er "blickt durch", sieht klar, doch zu handeln vermag er nicht.

Innen und außen, Wirklichkeit und Wunsch, Gegenwart und Erinnerung bestimmen die ebenso anrührende wie betroffen machende Zeichnung "Beate im Spiegel" (1977). In den Scherben des zerborstenen Spiegels erscheint die verkrampfte Hand des gekreuzigten Christus Grünewalds. Vor dem Spiegel steht der Rollstuhl mit der scheinbar friedlich schlafenden Tochter Beate - Reflexion einer persönlichen Situation. In einer anderen Arbeit steigt aus den Scherben das bunte Bild eines Schmetterlings empor, als Bild der Hoffnung und Zuversicht des über alle Gefährdungen siegenden Lebens. Glas und Spiegel - sie markieren einerseits Grenzen, die nicht überschritten werden können, provozieren jedoch stets aufs Neue die Frage, was jenseits des spiegelnden Glases sein könnte, ob dort das Eigentliche zu finden sei - die Suche nach einer anderen Welt und Wirklichkeit, ein Thema der Literatur zwischen Romantik und Surrealismus, von E. T. A. Hoffmann und Lewis Caroll bis zu Jean Cocteau.

In anderen Werken durchbricht der Künstler das infolge einer die Darstellung überdeckenden matten Folie halbtransparente oder verschwommene Bild dadurch, daß er sie aufreißt und zur Seite klappt. Das Zentrum öffnet sich, wird strahlend hell und klar sichtbar, so in der Collage "Auferstehung" nach Bachs Matthäuspassion oder auch in der 14. Fassung zum "Meißner Tedeum". In den neunziger Jahren integrierte Matthias Klemm dann reale Spiegelscherben in seine Arbeiten. Sie bringen Licht unmittelbar in die Gestaltung ein, vermitteln den Eindruck des Bruchstückhaften, das dennoch ein Ganzes widerspiegelt, und fangen den Blick des Betrachters ein. Als Beispiel sei die 1997 entstandene 20. Fassung zum "Meißner Tedeum" erwähnt, in der die Spiegelscherbe als höchstes Licht zu verstehen ist, das flirrend über dem diagonal ins Bild gesetzten Kathedralraum schwebt, welcher in einer Art Rollage vorgestellt wird, zugleich aber auch als klingend und strahlend im musikalischen Sinne gemeint ist. Stumpf, geschwärzt, auch blutig, im Niederfallen begriffen, erfolgt dann die Verwendung von Scherben in der Arbeit zu Krzysztof Pendereckis "Grablegung" (1994).

Mahnung, Wachrüttelung und Sensibilisierung bilden das Thema der Spiegelcollage "Akte Judas" (1992) zu den Worten von Dagmar Schumann: "Du Bruder vom gleichen Volk, hast uns geküßt und dann verraten. Ehe ich auf Dich den Stein werfe, will auch ich meine Silberlinge zählen, die ich bekam für das Verraten der Wahrheit". Diese Arbeit gehört zu dem Zyklus "Erfaßt, geschunden und doch lebendig", der sich mit der Tätigkeit der Stasi in der DDR beschäftigt.

Die Faszination von Materialcollagen führte den Künstler zu der im Tagebuch festgehaltenen Absicht: "Als Zyklus strebe ich demnächst an: "Scherbenbilder" (14.6.1993). Später fügte er hinzu: "Das Thema Scherbenbilder beschäftigt mich immer mehr. Es ist kein Thema, es ist eine Lebenshaltung. Meine Methode beim kreativen Arbeiten mit Laien "aus Zerbrochenem Neues gestalten" sollte mein künstlerisches Credo werden. [...] Glasscheibe als Durchblick, überwundene Barriere zum Eigentlichen." (22.4.1994)

Die Arbeit mit Laien gab ihm auch die Anregung zu einem weiteren bildnerischen Verfahren, den "Knitterbildern". Deren Ausgangspunkt bildet geknittertes Papier, das einseitig mit Farbe besprüht und dann glatt gelegt wird. Sichtbar werden Strukturen, in denen die Phantasie Landschaften, Wolken oder Wände, auch Assoziationen stofflicher Art entdeckt. Auf diese Weise schafft sich der Künstler einen Fond, eine Arbeitsplattform, auf der er mit Zeichnung oder Farbe seine Intentionen weiterentwickelt und dabei auch Collageelemente einbringt. Als Beispiel sei die Arbeit "Hoffnung" (1996) benannt.

Gleichermaßen der bildenden Kunst wie der Musik und der Literatur zugewandt, kann das Œuvre von Matthias Klemm mit einem gleichseitigen Dreieck verglichen werden, dessen Seiten für bildnerisches Gestalten, Musik und Literatur stehen. Nach den ersten Jahren seines Studiums in Dresden, u. a. bei Professor Günter Horlbeck, der ihm Wege unverstellt freien Zugangs zu den Elementen schöpferisch unabhängigen Gestaltens wies, wechselte er nach Leipzig an die Hochschule für Grafik und Buchkunst. Da er sich intensiv mit Schrift als bildnerischem Strukturelement auseinander setzte, fand er in Irmgard Horlbeck-Kappler eine Lehrerin, die Schriftgestaltung grenzüberschreitend zwischen Typografie, Kalligrafie und Grafik zu Bildern weiterentwickelt hatte, zu "scripturaler" Grafik. Hier gewann er Anregungen für seinen bildnerischen Umgang mit Sprache und Texten.

Die "Sprachmittel" des Künstlers Matthias Klemms sind vielgestaltig. Als Ausgangsmaterial dienen ihm häufig Texte von Dichtern oder Schriftstellern, daneben auch eigene Formulierungen. Er verknüpft sie in typografischer wie scripturaler Gestaltung mit Zeichen und Symbolen zu Bildern. Die Bestandteile seiner Schriftbilder erläutern sich nicht gegenseitig, sie eröffnen vielmehr Seh- und Denkwege, die keineswegs immer parallel laufen, sondern auch im Widerspruch zueinander stehen können. Neben zeichnerischen und malerischen Elementen nutzt er Möglichkeiten, die sich die bildende Kunst im Laufe des 20. Jahrhunderts erschlossen hat. Dazu gehören neben den bereits erwähnten Collagen sowie deren Erweiterung zur Assemblage, zum Materialbild - erinnert sei an die "Scherbenbilder" - auch Frottagen und Rollagen. Zu seinen Materialcollagen ist auch die Verwendung gebrauchter Kistendeckel als Bildträger zu zählen. Die Zusammenfügung einzelner Bretter zu einer Fläche gibt ihm dabei Gliederungen oder Rhythmen vor, denen er in seinen "Bretterbildern" frei folgt. Die Struktur des Holzes regt ihn gewissermaßen zur Schaffung einer Frottage an, die nicht auf Papier übertragen wird. Der Einsatz von Fotofragmenten, Papierfetzen, Stacheldraht u. a. neben zeichnerischen und malerischen Elementen verwandelt seine "Bretterbilder" zu Assemblagen. Ein Beispiel dieser Art ist das Triptychon "Passion nach Johann Sebastian Bach", vollendet 2001.

Die Frottage war in den achtziger und neunziger Jahren ein von Matthias Klemm häufig genutztes Mittel des grafischen Gestaltens. Es handelt sich dabei um eine Durchreibetechnik, 1925 von Max Ernst entwickelt, mittels der z. B. Brettstrukturen auf Papier übertragen werden. Sie vermögen Imaginationen auszulösen, die vom Künstler intuitiv oder auch bewußt zu Bildern fortentwickelt werden wie bei der Arbeit "Treibholz" (1988). Erst seit jüngster Zeit nutzt Matthias Klemm die Möglichkeiten der Rollage, einer weiteren Collagetechnik. Dabei werden Bilder oder auch strukturierte Flächen in vertikale oder horizontale Streifen zerlegt, ähnlich der Zeilenbildung des Fernsehbildes. Dadurch bilden sie auf dem Bildgrund eine Ordnung, in der Bildstreifen mit sichtbaren Partien des Bildträgers wechseln und ein neuer, vom ursprünglichen Bild unabhängiger Rhythmus entsteht. Dieser verleiht der Arbeit einen geradezu musikalischen Charakter, so u. a. beim 2. Blatt des Grafikzyklus "B - A - C - H" (2000).

"Schrift-Zeichen" wie gleichermaßen "Bild-Zeichen" sind wichtige Elemente im Schaffen von Matthias Klemm. Sie sind als zwei Seiten seines Strebens, als Einheit zu begreifen. In älteren Arbeiten versuchte er, aus beiden eine Synthese zu formen, "Schrift - Zeichen - Bilder" unter Betonung künstlerischen Herangehens zu gestalten und eine individuelle "Bild-Sprache" symbolhaften Charakters zu entwickeln. Besondere Erwähnung verdienen die zahlreichen Blätter der von 1970 bis 1997 entstandenen insgesamt zwanzig Fassungen zum "Meißner Tedeum", einem 1969 im Dom zu Meißen uraufgeführten Chorwerk von Wolfgang Hufschmidt. Diese Komposition beeindruckte den Künstler nachhaltig und veranlaßte ihn zum Versuch, das Erleben von Musik in dem einzigartigen hochgotischen Kathedralraum des Meißner Domes mittels Textfragmenten und Bildzeichen in Grafiken umzusetzen. Die durch drei Jahrzehnte immer wiederkehrende Beschäftigung mit diesem Thema in Form von Schrift- oder freier Grafik, Collage, Assemblage sowie als malerische Gestaltung verweist nicht allein auf die außerordentliche Faszination des Künstlers angesichts der Komposition und des Ortes. Sie verschafft ihm auch Erfolgserlebnisse, wie er dem Tagebuch anvertraut (29.11.1976). Hierher gehört auch die Vielzahl der Zeichnungen und Druckgrafiken zur "Matthäus-Passion" von Johann Sebastian Bach. Textstellen, handschriftlich in Radierungen oder Lithografien zusammengeführt, formen eine Dornenkrone als Sinnbild der Passion Jesu Christi. In ihrer Mitte erscheint das Kreuz. Anfänglich düster und verdunkelt, leuchtet es in anderen Fassungen auf, bricht als Licht aus sich selbst strahlend hervor. Passion wird zu Ostern, dem Kreuzestod folgt die Auferstehung. "Ich verwendete Texte aus der Matthäuspassion in scriptualer überlagerung. Was mit der Gestaltung automatisch kam: Durch die strukturelle Binnenform der Dornendarstellung zur Mitte hin entstand ein heller Kreuzesausblick. In jeder guten Passion ist auch ein Stück Auferstehung", reflektiert er im Tagebuch (10.2.82). Das Bild der Dornenkrone aus geschriebenen Textfragmenten der Bach'schen Passion übertrug er in die baugebundene Arbeit seiner Altarwandgestaltung im Methodistischen Gemeindezentrum Wuppertal- Barmen (1989). Auch rein zeichnerisch gestaltet er das Bild der Dornenkrone, so in der Arbeit "Zur Matthäuspassion J. S. Bach" (1994). Im tiefdunklen, kastenartigen Fensterausschnitt wird sie sichtbar, hell aus ihrer Mitte leuchtet das Kreuz. Doch rote, sich kreuzende Farbspuren markieren die Grenze zum Betrachter. In der Arbeit "Mauerchristus" (1990), einer Kombination von Walztechnik, Monotypie und Sprayarbeit, erhebt sich aus der Dornenkrone aufsteigend der Gekreuzigte als Sieger.

Seit seinen frühen Jahren als Künstler beschäftigt sich Matthias Klemm intensiv mit der Suche nach Möglichkeiten einer Verbindung von Literatur, Musik und bildender Kunst als ganzheitlichem Programm. In bildhaften Textgestaltungen erreichte er ein hohes Maß an gestalterischer Perfektion und experimenteller Lust. Gepaart mit bildnerischer Kultur gelangte er zu sehr persönlichem Ausdruck. Deutlich wird das einerseits an seinen Blättern in Walztechnik und andererseits an seinen Wachs-Sgraffito-Arbeiten. Erstgenannte entwickelt er aus Flächen, die er frei mit eingefärbten Druckwalzen auf Papier statt auf Druckformen aufträgt. Dafür eignen sich nur schadhafte und eigentlich unbrauchbar gewordene Walzen. Durch unterschiedlichen Druck, nachlassende Farbsättigung der Walze, den Farbauftrag mit der Walzenkante entstehen differenzierte Strukturen auf dem Papier. Gleich einem breiten Pinsel vermag der Künstler Flächen und Strukturen zu setzen, wobei der helle Grund wie eine Lichtquelle wirkt und gewissermaßen als weitere Farbe. Matthias Klemm vertraut nicht allein dem nur teilweise steuerbaren Zufall der Walzenstrukturen, sondern wischt und schabt Lichter heraus, setzt zeichnerische Elemente ein, arbeitet mit Wachskreiden zusätzlich in die Blätter hinein, integriert getönte Flächen und nutzt gelegentlich auch die Mittel der Collage oder der Monotypie. Virtuos weiß er sich dieses Verfahrens seit den achtziger Jahren zu bedienen, in das u. a. strukturelle Erfahrungen eigener Graphitzeichnungen der siebziger Jahre ebenso eingegangen sind, wie möglicherweise Anregungen durch gewalzte Kompositionen von Paul Zimmermann aus den sechziger Jahren.

Seine Wachs-Sgraffito-Technik entwickelte er sozusagen als Kombination aus Techniken der Baudekoration und der Druckgrafik. Gleich einer mit Asphaltgrund abgedeckten Radierplatte, auf der die Radiernadel das blanke Metall freilegt und sich so Helligkeit zum Dunkel fügt, arbeitet der Künstler in den dunklen Wachsgrund auf dem Karton hinein und reißt das Licht aus dem Dunkel heraus. Anregung dürfte ihm auch die Technik der Schablithografie geboten haben, die er in den achtziger Jahren parallel nutzte. Sein Hauptwerk in der eigenwilligen und effektvollen Wachs-Sgraffito-Technik ist die Folge "Flugbilder - Gesichtsfelder" (1982-1991). Ausgangspunkt dafür waren seine "Kopfbilder", die seit Beginn der achtziger Jahre nach einer Begegnung mit dem syrischen Maler Marwan (geboren 1934 in Damaskus) entstanden. Vor allem dessen gemalte und radierte Bildnisse in extremer Ausschnitthaftigkeit regten Matthias Klemm zu eigener Arbeit an. Marwan nannte seine Arbeiten "Köpfe" oder "Gesichtslandschaften". Klemm besuchte Marwan 1981 in seinem Berliner Atelier und schilderte seine Eindrücke im Tagebuch: "Seine Kopflandschaften beeindrucken. Ein Monomane, aber unwahrscheinlich in der Spannkraft. Möglichkeiten evtl. Kopfbilder, inspirierend für mich". Unmittelbar unter den gewonnenen Eindrücken schuf er seinerseits Kopfbilder als Aquarellmalereien und strebte nach einer "Verdichtung durch Farbe und Struktur. Sicher war mir Marwan hierin Vorbild. Im Nachhinein erkenne ich immer mehr Gemeinsamkeiten im Anliegen" (Tagebuch 28.9.1981). Anschließend übertrug er sein Anliegen in das Schwarzweiß seiner Wachs-Sgraffito-Technik mit dem Blatt "Der alte Ristau" (1982), dem das Aquarell zugrunde lag, und schuf nachfolgend Blätter wie "Tolstoi"(1986), "Blinder Monet"(1986), "Alte Frau" (1988) oder "Hermann Glöckner" (1989).

"Kopfbilder" und nicht "Porträts" oder "Bildnisse" benannte er diese Werkgruppe. Damit wollte er den Blick des Betrachters zu einer mehr allgemeinen Sehweise führen, im menschlichen Antlitz Landschaften zu erblicken, gebildet aus Lebenslinien. Zeichen auch für Zeit, die vergangen ist, die nicht anzuhalten und nicht rückholbar ist. Den Modellcharakter früherer Bildnisse ersetzte er durch Arbeit aus der Erinnerung. Den "Kopfbildern" stellte er zwischen 1988 und 1991 seine "Flugbilder" zur Seite. Ihnen liegen Beobachtungen während eines Fluges 1987 nach Helsinki zugrunde: "Wunderbare Bilder von oben. Irgendetwas braut sich in meinem Kopf zusammen, was die Serie der Köpfe fortsetzen könnte. [...] Flugbilder" (Tagebuch 1.8.1987). Beide Werkgruppen fügte er zu der Folge "Flugbilder - Gesichtsfelder" zusammen und meint, sie vermöchten etwas auszusagen "von der wechselseitigen Beziehung im Raum. [...] Flugbild - Von oben eine Struktur der menschlichen Gesellschaft. Gesichtsfeld - Innere Struktur des Menschen im Antlitz" (Tagebuch Februar 1989 und 6.9.1989).

Viele Arbeiten von Matthias Klemm sind vom Wort geprägt und weisen auf seine enge Verbindung zur Literatur hin. Dichtungen bieten ihm die Möglichkeit der Interpretation, ihnen mit bildnerischen Mitteln unterschiedlicher Art nachzugehen. Typografie und Kalligrafie, skripturale Text-Bild-Gestaltung, der Einsatz von Zeichen oder Bildern dienen ihm dazu, die Texte zu öffnen und weitere Ebenen zu erschließen. überschreibt er alte Texte mit neuen Fassungen, gleich einem Palimpsest, betont er dadurch deren Gegenwärtigkeit und führt dem Betrachter vor Augen, wie allzu Bekanntes die Wahrnehmung lähmt. Erinnert sei an das Blatt "Psalm 23" (1990), bei dem Matthias Klemm den überlieferten Text "Der Herr ist mein Hirte ..." zunächst in Goldschrift auf ein vergilbtes, plakathaft an eine Mauer geklebtes und überspraytes Blatt schrieb. Darüber setzte er in Schwarz die provozierende Neufassung von R. O. Wiemer mit dem Titel "Immer wieder". Literarische Anregungen fand der Künstler u. a. in Texten von Tschingis Aitmatow, Günter Eich, Erich Fried, Peter Härtling, Hartmut von Hentig, Günter Kunert, Florian Kokot, Jörg Zink und immer wieder bei Rudolf Otto Wiemer (1905-1998), einem Schriftsteller, zu dessen Texten und Versen er viele grafische Arbeiten schuf und dem er sich so eng verbunden fühlte, daß er ihn unbedingt kennenlernen und mit ihm sprechen musste. "Was uns eint, ist [...] das Gebrauchtwerden unserer Kunst. Das bringt uns zwischen die Stühle." (Tagebuch 10.4.1989). In der Grafikmappe zu Wiemers 90. Geburtstag schreibt Klemm: "1989 lernten wir uns endlich persönlich kennen und merkten, daß wir uns schon lange kannten", und charakterisiert ihn so: "äußerlich eine Mischung von Schopenhauer, Goethe und Hauptmann, liegen ihm [...] vorwiegend Gegenwartsprobleme am Herzen. [...] Wiemers Lyrik [erregte] schon in den siebziger Jahren meinen Gestaltungswillen." Wiemer hingegen äußerst sich über Klemm: " Wir waren uns rasch einig, daß das Unsagbare nicht bloß (wie beim Dichten) sagbar gemacht werden sollte, sondern auch anschaubar (wie beim Malen und Zeichnen). Was tut er also? Er versetzt das Poem in einen anderen Aggregatzustand, d. h. er verwandelt es in ein Bild."

In einem Brieftext spricht der Künstler davon, er empfände sich inmitten der Wogen eines reißenden Stromes, mitgerissen vom Strom der Zeit. Rettung bedeuten die Ufer, die er "Verzweiflung" und "Hoffnung" nennt, als zwei Pole seiner Existenz und seines bildnerischen Schaffens. Jedoch nicht "Trauer" oder "Wut", gar "Verzweiflung" bestimmen das Werk von Matthias Klemm, vielmehr eine über den Einzelnen hinausreichende Freude an der Schöpfung. Dafür stehen in jüngster Zeit entstandene farbkräftige Gouachen und Aquarelle, wie "Japanischer Garten", "Kosmische Klänge", "Musiksommer" oder "Rhythmus Natur", auch "Nach einem afrikanischen Gebet". Letztere Arbeit versteht der Künstler als Mitte einer Dreiheit, die links und rechts von Bildern seiner Enkelkinder flankiert wird. Sie läßt erkennen, wie sehr für ihn das Empfinden persönlichen Glücks mit dem Bewußtsein einer weit über den Einzelnen hinaus- und hinaufreichenden Freude an der Schöpfung und über den Schöpfer verschmilzt. Daß dies nicht naiv ist, sondern aus dem Wissen resultiert, sich bestehender Gefährdungen stets hellwach bewußt zu sein, verdeutlicht eine Werkgruppe, die zwischen 1989 und 2003 entstand. Sie trägt den Titel "Rufer und Gliederpuppe". Ihre beiden Elemente sind der Kopf des Rufenden, der mit der Hand einen Schalltrichter zur Verstärkung der Hörbarkeit seiner Mahnung formt, und die Figur des "manichino", der Gliederpuppe, eines roboterhaften, seelenlosen Gebildes. Sie stehen für zwei Pole des heutigen Lebens: einerseits das bloße Funktionieren im Alltag, geradezu mechanisch und fremdgesteuert und andererseits der Versuch, aufmerksam zu bleiben, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen und nicht zu schweigen. Gerade die "Ruferserie" läßt erkennen, daß sich der Künstler bewußt als Zeitgenosse versteht, der nicht abseits stehen will, sondern der sich mit Worten und Werken als Künstler, Christ und Bürger aktiv einbringt.

Matthias Klemm ist ein aufgeschlossener Mensch, offen und kommunikativ im Gespräch, zuhörend und auf sein Gegenüber eingehend, heiter dem Alltag gegenüber, ausgestattet mit hinterfragendem Humor. Er ist ein Künstler, der frei mit seinen spezifischen bildnerischen Mitteln, grafischen wie malerischen, umgeht, der die Möglichkeiten des Schwarzweiß wie auch der Farbe zu nutzen versteht, für den Schrift zu einer Möglichkeit bildnerischen Ausdrucks wurde, der sich grafischer Techniken, wie Lithografie oder Radierung, bedient, versiert die Mittel von Frottage oder Collage nutzt und sich mit der Walztechnik wie dem Wachs-Sgraffito eigene Gestaltungsweisen erschlossen hat. Ein Künstler, dessen Lebens- und Schaffensmotto lautet: "Fange nie an aufzuhören / Höre nie auf anzufangen".




Rainer Behrends