Suchen nach:



Rezensenten:

Matthias Klemm zum 65. Geburtstag


Lieber Matthias,

über mehr als drei Jahrzehnte haben mich Deine künstlerischen Einmischungen begleitet.

Du wolltest und Du hast dem Farbe und Form gegeben, was Dich substanziell und aktuell bewegte von einem Glauben her, der mit offenen Augen durch die Welt geht, die Beschädigungen und Gefährdungen ebenso wie die Zeichen gelingenden Lebens wahrnimmt. Ins Verborgene hast Du hineingesehen und Du hast bewußt auch plakativ gearbeitet - etwas, das gleich ins Auge fällt und einen lange nicht losläßt. Ich denke nur an Deine bestürzende Adaption des pestnarbigen Gekreuzigten vom Isenheimer Altar mit dem roten Eilbotenaufkleber, auf dem steht: "Angeklagt der Anstiftung zum Frieden". Das war und das bleibt die subversive Botschaft des Friedensfürsten aus Nazareth/Bethlehem.

Immer wieder finde ich das Motiv des Neugeborenen, des Lebens im Entstehen, das stets gefährdete Keimen des Lebens - und die gestaltete Gewißheit, daß Leben letztlich gesegnet ist. In den 70er Jahren haben wir miteinander in der Jungen Gemeinde und in der Studentengemeinde in Merseburg mit Hilfe von Bildbetrachtungsheften immer wieder Grafiken und Collagen von Dir betrachtet, haben ihnen nachgesonnen. Wie schön hast Du die "Stationen auf dem Wege zur Freiheit" von Bonhoeffer in Schrift gebracht. Oder ich erinnere mich - ganz anders! - an Deine Bilder zu den letzten Tagen der Schöpfung nach einem Text von Jörg Zink. In Deinen Collagen hast Du variationsreich und als außerordentlich aufmerksamer Zeitgenosse es vermocht, Zeitungsfetzen, Parolen, Gesichter, Gegenstände einzuarbeiten. Was ich von Dir kenne, blieb immer zugängliche Kunst, nichts Hermetisches. Du hast den Versuch nie aufgegeben, kaum Darstellbarem Gestalt zu geben und bei der Gestaltung von Sprache, das hinter den Worten Liegende durch die Schriftgestaltung zutage zu fördern.

Was 1989 mit uns geschah, das Wunder des gewaltig-gewaltlosen Umbruchs und Aufbruchs in Demokratie und Einheit, und das haben wir - jeder auf seine Weise - mitgestalten können, hast Du als Erster und wohl Einziger gleich festgehalten, vor dem Vergessen bewahrt - das ganze Pathos dieses Auf- und Durchbruchs aus den Kirchen, auf den Straßen. Dir kam es zugute, dass Du Leipziger geworden warst und geblieben bist. Man darf im übrigen nicht vergessen, dass es gelungen war, Deine Karten in der DDR-Zeit auch zu drucken. Vielleicht hatten die Zensoren verklebte Augen und sahen nicht das Sub-Versive Deiner christlich verankerten, ins Politische hineinwirkenden Hoffnungsbotschaft. Wie unvergleichlich hast Du bis heute Bonhoeffer in Schrift gesetzt und mit Farbe unterlegt! Manches konnte wohl vor 1990 geschaffen, aber erst seit 1990 veröffentlicht werden. Ich denke an Günter Eichs Text "Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind" (von 1953!) oder an das Fried-Gedicht "Ich bin der Sieg". Manche Deiner früheren Arbeiten bekommen heute eine ganz neue, geradezu schreckliche Aktualität, wenn ich Deine Collage "Probleme zum guten Hirten" von 1974 heute sehe, wo zwischen den betenden Händen ein Gewehr herausragt und das Gewehr auf Zivilisten hinter einer Zielscheibe gerichtet ist, dann bekommt das angesichts der Gebete des amerikanischen Präsidenten oder solcher Diktatoren wie Saddam Hussein eine ganz neue, bedrängende Aktualität. Oder eine Adaption des Mattheuer'schen "Jahrhundertschritts", eingewebt in die neuen Verhältnisse. Da gibt es einerseits Test-the-West und Coca-Cola, andererseits REP und steifes Bein, in den Himmel gereckte Hand: Quo Vadis, GERMANIA? Eine immer noch offene Frage, die den Einsatz von Demokraten herausfordern muß. Welches Schicksal Bäume erleiden und welche toten Stangen sich die Vögel suchen müssen, wenn es keine Bäume mehr gibt, springt einen gewissermaßen in der Kohlezeichnung "O Land, Land ..." richtig an. Und keiner hat so eindrücklich wie Du die innere Situation von abertausenden Menschen vom 9. November '89 nachgezeichnet, wo die Wachtürme stürzten und Du den Lobgesang der Maria, das Magnificat, auf eine geradezu explosiv-fröhliche Art darstellst. So etwas wird bleiben; solche Bilder werden in die Schulbücher gelangen, wenn man etwas von der Atmosphäre jenes Mauerdurchbruchtages wird wiedergeben wollen.

Ich habe nicht vergessen, wie Du mit uns zusammen Seminare gemacht hast, wo wir lernen konnten, was alles mit Wachsfarben möglich ist. Du warst - übertreibe ich? - der künstlerische Begleiter der (christlich motivierten) Friedensbewegung. Bereits 1980 entstand die Grafik zum Meißner "Te Deum" (mit einer radikalen Textverfremdung von Günter Grass). Den "Entwurf für ein Osterlied" von Rudolf Otto Wiemer hast Du 1979 so gestaltet, daß das Dunkle und Chaotische, das es eben auch gibt, nicht verschwiegen wird, wenngleich es durchgestrichen, durchgekritzelt wird. Nur so läßt sich dieses herrliche Hoffnungsgedicht ertragen und kann tragen, nachdem man die Zeitung voll von Naturzerstörung, Folter, Krieg, Armut, Terror, Propaganda und persönlichster Tragödien gelesen hat. Schließlich sind alle Wege noch offen! Und im Rohr der meisten Raketen nisten noch immer keine Tauben - sie werden stattdessen modernisiert und verniedlicht: mini nukes! Und die Hand der Armen ist noch immer ohne Brot. Aber wer die Hoffnung aufgäbe, täte nichts mehr gegen das, was Leben beschädigt oder bedroht. Wir brauchen in heutiger Zeit wieder neue Vergewisserung darüber, was sein soll, damit etwas bleibt, was das Leben lohnend macht und was es heißt, in dieser Zeit Mensch zu sein. Du hast das biblische "Trotzdem" und das Psalmen prägende "Dennoch" in immer neuen Variationen gestaltet. Du bist Dir und Deinen Impulsen als ein tiefreligiöser und als ein engagiert politischer Mensch treu geblieben.

Eines will ich Dir noch sagen: Ich entdecke immer wieder auf den Bildern auch Dein Gesicht, durchscheinende Selbstporträts, selbst in der "Akte Judas". Ja, das ist es, was uns vor jeder Selbstgerechtigkeit bewahrt: der Wahrheit des Kreatürlichen, der permanenten inneren und äußeren Gefährdung des Selbst ins Auge zu sehen und nicht den langen Finger unseres Besserwissens oder Besserseins auszustrecken. Sich selber mit allen möglichen und unmöglichen Motiven auszuhalten, das ist wohl auch nur möglich, wenn dahinter ein Wissen von der Tragkraft des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe bleibt.

"Der Engel steht abends am Tor. Er hat gebräuchliche Namen."

Ich grüße Dich zu Deinem 65. Geburtstag sehr herzlich, Dir für so vieles dankend.



Friedrich Schorlemmer