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Mahner in einer fragilen Welt

Matthias Klemms "Zeitansagen" in Leipzigs Friedenskirche


Es ist selten genug, daß Künstler ihre Themen politisch und christlich wählen. Insofern ist die Gohliser Friedenskirche für den Leipziger Matthias Klemm der richtige Ort für seine Ausstellung "Zeitansagen". Die Kargheit des Innenraums der Kirche nutzend, breitet Klemm im Kirchenschiff und dem Altarraum sein Œuvre aus. Obschon hier fast nur Arbeiten jüngeren Datums gezeigt werden, weiß man, dass Klemm einer der wenigen Künstler war, die sich in der Blütezeit der figürlichen Malerei in Leipzig nach 1960 nonfigurativ artikulierten. Während seines Studiums in Dresden prägte ihn Günther Horlbeck, in Leipzig nachfolgend Heinz Wagner und Irmgard Horlbeck-Kappler. So wurden Schrift und gegenstandslose Grafik bis hin zur Materialcollage die Stärken von Klemm, die er in einer großen Fülle seiner Arbeiten demonstriert.

Das hatte ihm im Leipziger Kollegenkreis zwar immer Achtung eingetragen, doch ließ die Kulturpolitik der DDR für Künstler seiner Art wenig Raum für öffentliche Wirkung und Anerkennung. Auch hier gründet ein Teil seines Widerstandspotentials sowohl gegen die politischen Doktrinen vor 1989 als auch gegen aktuelle Kriegsereignisse in der Welt.

Alles, was seinem christlich-humanistischen Weltbild entgegensteht, ist Angriffspunkt seiner Kunst. Im Interesse seiner Botschaften greift er zu exponierten Themen, die er in die Struktur der Collagen einbezieht. Dabei können direkt Bilder von Kriegsgeschehnissen oder Formen von Gleichnissen genutzt werden. Leitmotivisch gestaltet Klemm den Rufer als Mahner in einer Welt, deren Fragilität er durch Glas symbolisiert.

All diese Mittel ordnet Klemm seinen Intentionen unter. Bei der Performance zur Ausstellungseröffnung zerschlug er zu Klängen Bachscher Musik eine Glasscheibe. Der barbarische Akt verweist auf die Zerstörung von Harmonie und Menschlichkeit.

LVZ Oktober 2003


Peter Guth