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Worte zur Ausstellungseröffnung von Matthias Klemm

im "Haus der Kirche" Berlin (Auszüge)


Wer mit Matthias Klemm und seinem stets eingreifenden Wirken einigermaßen vertraut ist, wird wissen, daß bei dem Mann lebenslang keine Ruhe zu finden ist, weder die Friedhofsruhe der angepaßt Resignierten noch die Ruhe der glücklich Etablierten. Und dennoch ist sein Werk Ausdruck eines selten ruhigen und konsequenten Voranschreitens auf Wegen geistiger, geistlicher und handwerklicher Solidität. Insofern läßt es sich auch nicht aufsplitten in eine Phase vor und in eine Phase nach 1989.

Zu den ebenso gut gemeinten wie völlig deplatzierten Ratschlägen, die nach 1990 von westlicher Seite an Leute wie Klemm und mich ergingen, gehörte jener: "Nun sollten Sie endlich aufhören, sich querzustellen und zu -legen. Denn das Staatswesen, dem Sie jetzt angehören, ist über grundsätzliche Zweifel erhaben. Ihr Mißtrauen und Ihre Phobien gehören eingemottet" ...

Klemms Collage zur "Ewigen Passion" aus dem Jahre 1998 spricht wortlos beredte Sprache. Es zeigt unbeirrt den gottesmordenden unmenschlichen Preis, um den auch die verschwiegenen und verdrängten Kriege letztlich allein von der Rüstungsindustrie gewonnen werden. Und die kalligrafisch gearbeitete Collage zum Vaterunser - "Immobilie unser im Osten" - erscheint nur dem als blasphemisch, der von den Blasphemien einer Wirtschafts-Um-Ordnung absieht, die Preise absichtsvoll und unablässig mit Werten verwechselt. Und das in diesem Jahr entstandene Bretterbild-Triptychon "Passion nach Johann Sebastian Bach" verlebendigt in wuchtigen und sperrigen Farben und Formen die Dramatik einer wie unerlöst Torturen und Martyrien ersinnenden Gegenwart. Stacheldraht und Dornenkrone haben bei Klemm unauflöslich miteinander zu tun und bezeichnen die Insignien und Herausforderungen der Gegenwart.

Talent bezeichnet ursprünglich eine Gewichts- und Münzeinheit. Die Talente, mit denen Matthias Klemm begabt wurde, ziehen schwer in den Taschen. Seine Liebe und Befähigung zur Musik stehen seiner Liebe und Befähigung zur Literatur und Malerei kaum nach. Auch davon künden die Arbeiten dieser Exposition.

Konsequent, fein und beeindruckend leise haben sich Klemms Arbeiten mittlerweile gesamtdeutsch ausgebreitet. Rainer Behrends, Kustos des Kunstbesitzes der Universität Leipzig und ebenso aufmerksamer wie getreuer Begleiter des Klemmschen Œuvres, hat vor Jahresfrist auf die erstaunlich hohe Zahl von damals bereits 160 Ausstellungen der Klemmschen Arbeiten hingewiesen. Und dabei die Frage nach dem Warum gestellt und zugleich beantwortet: "Könnte es sein, daß ein heute lebender Künstler nicht allein danach strebt, sich selbst in seinen Werken zu verwirklichen, sich auszuleben, unabhängig davon, welche Wirkungen sie zeitigen, wenn sie in der öffentlichkeit erscheinen (...)? Diesem Bilde des modernen Künstlers (...) stehen immer wieder Haltungen gegenüber, die sich mit den Bindungen von Kunst in und an die jeweilige Entstehungszeit verbunden fühlen, die den Künstler gegenüber seinen Zeitgenossen in eine Art Pflicht genommen sehen, deren Schaffen im Betrachter einen Partner sieht und sucht (...). 'Wirken wollen in dieser Zeit' als Aufgabe für den Künstler, dieses Credo der Käthe Kollwitz liefert uns den Schlüssel zum Verständnis der angeführten (Ausstellungs-)Statistik. Und tatsächlich fühlt sich Matthias Klemm seit Jahrzehnten diesem Motto verpflichtet, so wie er die Künstlerin Kollwitz verehrt, seit er in sehr jungen Jahren deren Werke kennen lernte. Vielleicht war es diese Begegnung - oder eine verwandte - , die zur Entscheidung für die bildende Kunst als Profession des eigenen Lebens anstelle der Musik führte ..."

Ich wünsche Ihnen und uns, lieber Matthias Klemm, eine nicht verebbende Schaffenslust und -kraft. Ihre Bilder und Arbeiten sind uns vonnöten. Denn sie sind wahrhaftig und schön, schön im Sinne von Brecht, der auf die Frage, was schön sei, antwortete: "Schön ist, wenn man Schwierigkeiten löst. Schön ist also ein Tun". Ich bin hoffnungsvoll, dass Sie und wir alle uns darin nicht beirren lassen.

Berlin, 5. November 2001


Jürgen Rennert